Sechs Monate Krieg in der Ukraine

Kriegsverlauf

Mit­te Febru­ar 2022 lief die euro­päi­sche Diplo­ma­tie auf Hoch­tou­ren. Die meis­ten poli­ti­schen Beobachter:innen spe­ku­lier­ten dar­über, ob Russ­lands Prä­si­dent Vla­di­mir Putin einen Angriff auf die Ukrai­ne befeh­len wür­de oder nicht. Han­del­te es sich beim mas­si­ven rus­si­schen Trup­pen­auf­ge­bot ledig­lich um eine Droh­ge­bär­de oder um den Auf­takt zu einer Inva­si­on? Tat­säch­lich erschien es unwahr­schein­lich, dass Putin tat­säch­lich einen Angriff auf die Ukrai­ne befeh­len könn­te. Immer­hin: die Kos­ten eines sol­chen Angrif­fes wären enorm, sowohl Euro­pa als auch die USA müss­ten mit mas­si­ven Wirt­schafts­sank­tio­nen reagie­ren und außer­dem hät­te Russ­land im Ver­gleich zu den Kos­ten eines sol­chen Krie­ges nur wenig zu gewinnen.

Kurz: Die Wenigs­ten waren wirk­lich davon über­zeugt, dass Russ­land eine mas­si­ve mili­tä­ri­sche Eska­la­ti­on woll­te. Viel eher schien es, als wür­de Russ­land ver­su­chen, die USA und Euro­pa an den Ver­hand­lungs­tisch zwin­gen zu wol­len. Dafür spra­chen die For­de­rung nach den rus­si­schen „Sicher­heits­ga­ran­tien“, die im Dezem­ber 2021 ver­öf­fent­licht wor­den waren. Selbst in der Ukrai­ne glaub­te man damals nicht an eine rus­si­sche Inva­si­on. Der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Selen­skyi warn­te gar vor „Panik­ma­che“ durch die USA.

Anfang 2022 schien es noch, als könn­te man Russ­land davon über­zeu­gen, von sei­nen Kriegs­be­stre­bun­gen abzu­las­sen. Es sei immer­hin ver­ständ­lich, dass man sich gegen eine ver­meint­li­che wei­te­re Expan­si­on der NATO absi­chern wol­le – sol­che oder ähn­li­che Ein­schät­zun­gen waren damals oft­mals zu hören. Wenn­gleich Russ­land legi­ti­me Sicher­heits­in­ter­es­sen haben moch­te, mit dem 21. Febru­ar wur­de über­deut­lich, wor­auf die Mas­sie­rung von Trup­pen an der ukrai­ni­schen Ost­gren­ze tat­säch­lich hin­aus­lief und wel­che Inter­es­sen Vla­di­mir Putin tat­säch­lich verfolgte.

Anerkennung der „Volksrepubliken“

Am 21. Febru­ar 2022 erklär­te Putin per Dekret die Aner­ken­nung der „Volks­re­pu­bli­ken“ Donetsk und Luhansk durch Russ­land. In einer etwa eine Stun­de lan­gen Fern­seh­an­spra­che sprach er zudem der Ukrai­ne die Staat­lich­keit ab und kün­dig­te an, dass rus­si­sche Trup­pen in den Don­bas vor­rü­cken wür­den. Russ­land wur­de für die­sen völ­ker­rechts­wid­ri­gen Vor­stoß mas­siv kri­ti­siert und wei­te­re Wirt­schafts­sank­tio­nen wur­den angekündigt.

Invasion

Putin ließ es dabei bekann­ter­ma­ßen jedoch nicht bewen­den. Am 24. Febru­ar 2022, genau vor sechs Mona­ten, begann der rus­si­sche Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne. Vor sechs Mona­ten muss­te man befürch­ten, dass die Ukrai­ne kaum ein paar Wochen durch­hal­ten wür­de. Die rus­si­sche Über­macht und die Fähig­kei­ten und Kapa­zi­tä­ten der rus­si­schen Streit­kräf­te sei­en zu über­wäl­ti­gend. Aller­dings mach­ten eben­je­ne, ver­meint­lich über­le­ge­nen, rus­si­schen Streit­kräf­te einen schwer­wie­gen­den tak­ti­schen Feh­ler nach dem anderen.

Versuchte Einnahme Kyjiws

Zu Beginn der Inva­si­on erklär­te Russ­land die „Demi­li­ta­ri­sie­rung“ und „Ent­na­zi­fi­zie­rung“ der Ukrai­ne zum Ziel des Angriffs­krie­ges, der von rus­si­scher Sei­te als „Spe­zi­al­ope­ra­ti­on“ bezeich­net wird. Be­ob­ach­ter:innen ver­stan­den dar­un­ter sowohl eine mili­tä­ri­sche Kapi­tu­la­ti­on (bzw. Auf­lö­sung) der ukrai­ni­schen Streit­kräf­te sowie einen Regime­wech­sel. Wäh­rend des 24. Febru­ar 2022 begann Russ­land auf dem gesam­ten ukrai­ni­schen Staats­ge­biet mit mili­tä­ri­schen Ope­ra­tio­nen, dar­un­ter auch eine Luft­lan­de­ope­ra­ti­on beim Flug­ha­fen Kyjiw-Hos­to­mel. Explo­sio­nen ereig­ne­ten sich unter ande­rem bei Kra­ma­tor­sk, Mariu­pol, Ode­sa, Kyjiw, Dnipro, Sapo­rischsch­ja und Char­kiw. Zudem führ­te die rus­si­sche Schwar­z­­meer-Flot­te Lan­dungs­ope­ra­tio­nen im Asow’schen Meer und bei Ode­sa durch.

Russ­land ver­such­te in die­ser Anfangs­pha­se des Kriegs, die ukrai­ni­sche Haupt­stadt mög­lichst rasch ein­zu­neh­men. Offen­bar hat­ten die rus­si­schen Streit­kräf­te nicht mit der­art vehe­men­tem Wider­stand der ukrai­ni­schen Kräf­te gerech­net. Dem ukrai­ni­schen Mili­tär gelang im Gegen­teil die Ver­zö­ge­rung des rus­si­schen Vor­mar­sches auf die Haupt­stadt und es gelang den rus­si­schen Luft­streit­kräf­ten nicht, die Luft­ho­heit über die Ukrai­ne zu errin­gen. Dar­über hin­aus hat­te Russ­land mit ver­schie­de­nen Pro­ble­men zu kämp­fen, die sei­ne Logis­tik mas­siv beein­träch­tig­ten und es mach­te in Zusam­men­hang mit der Logis­tik tak­ti­sche Feh­ler. Bei­spiel­haft zu nen­nen ist hier der über 60 Kilo­me­ter lan­ge rus­si­sche Kon­voi, der sich Anfang März auf Kyjiw zube­weg­te und so zu einem ver­lo­cken­den Ziel für die ukrai­ni­schen Streit­kräf­te wur­de. Letz­ten Endes gelang es Russ­land nicht, Kyjiw ein­zu­neh­men und kün­dig­te am 29. März sei­nen Rück­zug an.

Mutmaßliche Kriegsverbrechen

Seit dem 24. Febru­ar wird immer wie­der von mus­t­maß­li­chen rus­si­schen Kriegs­ver­bre­chen berich­tet. Am bekann­tes­ten dürf­te das Mas­sa­ker von Butscha sein, bei dem über 400 ukrai­ni­sche Zivi­lis­ten gezielt hin­ge­rich­tet wor­den sein dürf­ten. Ande­re Vor­fäl­le sind bei­spiels­wei­se der rus­si­sche Rake­ten­an­griff auf den mit etwa 4.000 Zivilist:innen über­füll­ten Bahn­hof der Stadt Kra­ma­tor­sk oder die Bom­bar­die­rung eines Kin­der­spi­tals oder des Thea­ters in Mariu­pol, in dem über 1.000 Zivilist:innen Schutz gesucht hatten.

Konzentration auf den Donbas

Seit April 2022 kon­zen­triert sich Russ­land auf die Ost­ukrai­ne. Wäh­rend die seit Beginn des Kon­flikts 2014 bestehen­de Kon­takt­li­nie von der Ukrai­ne grund­sätz­lich gehal­ten und die Groß­stadt Char­kiw erfolg­reich ver­tei­digt wer­den konn­te, erziel­te Russ­land klei­ne­re Gelän­de­ge­win­ne im Osten des Lan­des. Nach lan­ger Bela­ge­rung konn­te Russ­land Mariu­pol ein­neh­men und bis auf den Oblast Ode­sa alle Gebie­te im Süden der Ukrai­ne ein­neh­men, deren Kon­trol­le zur Schaf­fung einer Land­brü­cke zur Krim erfor­der­lich ist. Durch die Rück­erobe­rung der Schlan­gen­in­sel durch die Ukrai­ne und die Ver­sen­kung des Schlacht­schif­fes „Moskwa“ Mit­te April konn­te die Ukrai­ne das rus­si­sche Vor­ge­hen wei­ter verlangsamen.

Abnützungskrieg

Im Juli und August erga­ben sich bis dato kei­ne grö­ße­ren Gebiets­än­de­run­gen mit Aus­nah­me der Ein­nah­me der Stadt Lys­yt­schansk, der letz­ten grö­ße­ren Stadt unter Kon­trol­le der Ukrai­ne im Don­bas. Anfang August star­te­ten die rus­si­schen Streit­kräf­te eine neue Groß­of­fen­si­ve in der Regi­on Donetsk. Auch die Städ­te Niko­pol in unmit­tel­ba­rer Nähe des Atom­kraft­werks Sapo­rischsch­ja und Myko­la­jiw wur­den ange­grif­fen. Das AKW Sapo­rischsch­ja ist (neben der Rui­ne des AKW Cher­no­byl) bereits zum wie­der­hol­ten Male in den Schlag­zei­len, da es von Russ­land immer wie­der unter Beschuss genom­men wur­de. Die Inter­na­tio­na­le Atom­ener­gie­be­hör­de (IAEA) sieht der­zeit aller­dings kei­ne unmit­tel­ba­re Bedro­hung.

Der Krieg in der Ukrai­ne scheint spä­tes­tens mit Juli 2022 in eine neue Pha­se ein­ge­tre­ten zu sein: die des Abnüt­zungs­kriegs. Ein län­ger­fris­tig andau­ern­der mili­tä­ri­scher Kon­flikt kann grund­sätz­lich leicht zu einem sol­chen wer­den. Wird der Mate­ri­al­auf­wand immer höher und die ein­ge­setz­ten Soldat:innen immer stär­ker belas­tet, so hält das kei­ne Streit­macht auf Dau­er durch. Des­we­gen ist auch die Logis­tik für einen mili­tä­ri­schen Erfolg essen­zi­ell: der Nach­schub an mili­tä­ri­schem Mate­ri­al und Ein­satz­kräften ist von Beginn an erfor­der­lich, geschwei­ge denn nach eini­gen Mona­ten. Umso wich­ti­ger ist die Moral der ein­ge­setz­ten Trup­pen: für die ukrai­ni­schen Verteidiger:innen geht es um die Ver­tei­di­gung der Hei­mat, der Fami­lie und des eige­nen Lebens, wäh­rend in vie­len Fäl­len rus­si­sche Soldat:innen nicht ein­mal wuss­ten, dass sie in einen Kriegs­ein­satz und nicht in einen Übungs­ein­satz in Bela­rus geschickt werden.

Bedeutung des Kriegs

Der deut­sche Bun­des­kanz­ler Olaf Scholz bezeich­ne­te weni­ge Tage nach dem Beginn der rus­si­schen Inva­si­on in der Ukrai­ne die­sen Angriff als „Zei­ten­wen­de“. Sechs Mona­te nach Beginn der Inva­si­on ist die Fra­ge, ob Ana­ly­sen von damals noch hal­ten und inwie­fern sich die­se „Zei­ten­wen­de“ auf die inter­na­tio­na­le Lage aus­ge­wirkt hat.

Regie­rungs­er­klä­rung des deut­schen Bun­des­kanz­lers Olaf Scholz am 27. Febru­ar 2022

Erneuter Kalter Krieg

Das rus­si­sche Vor­ge­hen in der Ukrai­ne, das kal­ku­lier­te Andeu­ten Putins, Russ­land kön­ne in der Ukrai­ne auch Atom­waf­fen ein­set­zen, Mas­sa­ker an der ukrai­ni­schen Zivil­be­völ­ke­rung: Der rus­si­sche Angriffs­krieg in der Ukrai­ne ist ein Zivi­li­sa­ti­ons­bruch, wie es ihn in Euro­pa seit den Jugo­sla­wi­en-Zer­falls­krie­gen in 1990er Jah­ren nicht mehr gege­ben hat. Es muss­te von Beginn an klar gewe­sen sein, dass die Euro­päi­sche Uni­on sowohl als wer­te­ba­sier­te als auch als rechts­staat­li­che Gemein­schaft auf ein der­ar­ti­ges Vor­ge­hen Russ­lands reagie­ren wür­de. Es dürf­te für die meis­ten Beobachter:innen jedoch über­ra­schend gewe­sen sein, wie rasch Euro­pa tat­säch­lich reagiert hat. Bin­nen weni­ger Tage wur­den Sank­ti­ons­pa­ke­te gegen Russ­land geschnürt, die in ihrer Trag­wei­te durch­aus beacht­lich waren. Dazu gehör­te etwa auch der Beschluss, dass Russ­land vom inter­na­tio­na­len Zah­lungs­sys­tem SWIFT aus­ge­schlos­sen wer­den wurde.

Seit­her befin­den sich die USA und auch die EU in einem erneu­ten Kal­ten Krieg mit Russ­land. Ver­ein­zelt mögen Beobachter:innen geneigt sein, die­sem „Kal­ten Krieg“ zu attes­tie­ren, dass er ver­meint­lich bereits aus­ge­bro­chen sei und „heiß“ geführt wer­de, näm­lich in der Ukrai­ne. Fak­tisch ist die aktu­el­le Situa­ti­on jedoch mit jener wäh­rend des ursprüng­li­chen Kal­ten Kriegs durch­aus ver­gleich­bar. Auch damals wur­den Stell­ver­tre­ter­kon­flik­te in Dritt­staa­ten aus­ge­tra­gen – zu nen­nen sind hier etwa der Korea­krieg (1950–1953), der Viet­nam­krieg (1964–1975) oder der Krieg in Afgha­ni­stan (1979–1989). Gekenn­zeich­net waren die­se Kon­flik­te dadurch, dass die Kon­flikt­par­tei­en von den Super­mäch­ten mehr oder weni­ger direkt unter­stützt wur­den, mit­un­ter grif­fen die­se auch selbst in den Kon­flikt ein. Aber weder die USA noch die Sowjet­uni­on führ­ten mit­ein­an­der einen „hei­ßen“ Krieg.

Die­ses Wie­der­auf­le­ben der Logik des Kal­ten Kriegs und das Ende der opti­mis­ti­schen Welt­sicht, die nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs in Euro­pa Ein­zug gehal­ten hat­te, wirkt sich auf vie­le ver­schie­de­ne Berei­che aus. Die wirt­schaft­li­chen Ver­flech­tun­gen der 1990er und 2000er Jah­re zwi­schen Euro­pa und Russ­land kön­nen, im Gegen­satz zur Zeit des Kal­ten Kriegs, mitt­ler­wei­le als Waf­fen genutzt wer­den. So ver­sucht Russ­land, die Abhän­gig­keit Euro­pas von rus­si­schem Erd­gas zu nut­zen, um sich schein­bar vor den Sank­tio­nen zu „immu­ni­sie­ren“. Dies mit zwei­fel­haf­tem Erfolg, denn anders, als rus­si­sche Pro­pa­gan­da es glau­ben machen möch­te, fügen die west­li­chen Sank­tio­nen der rus­si­schen Wirt­schaft schwe­ren Scha­den zu. Die­ses Ele­ment der rus­si­schen Pro­pa­gan­da bzw. der Des­in­for­ma­ti­on, die vor allem über Sozia­le Medi­en ver­brei­tet wird, ist ein wei­te­res Ele­ment, das den aktu­el­len Kon­flikt vom Kal­ten Krieg der 1950er bis 1980er Jah­re unterscheidet.

Wirkungsketten

Doch ein wesent­li­ches Ele­ment, das bei­de „Kal­ten Krie­ge“ gemein­sam haben, ist, dass sich die­ser Kon­flikt zwi­schen zwei oder mehr Groß­mäch­ten auch wesent­lich auf ande­re Berei­che der inter­na­tio­na­len Poli­tik aus­wirkt. Um der jeweils ande­ren Sei­te Scha­den wel­cher Art auch immer zuzu­fü­gen, wer­den auch Mit­tel ver­wen­det, die mit „tra­di­tio­nel­ler“ Kriegs­füh­rung nichts oder nur wenig zu tun haben. Wirt­schafts­sank­tio­nen, Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen, Regime­wech­sel in Dritt­staa­ten, oder die Dro­hung, Staa­ten bewusst zu desta­bi­li­sie­ren – all das sind Ele­men­te die­ses erneu­ten Kal­ten Kriegs mit Russland.

Beson­ders rele­vant ist die poten­zi­el­le Desta­bi­li­sie­rung von Dritt­staa­ten. Als der Krieg in der Ukrai­ne begann, mut­maß­ten die meis­ten Beobachter:innen, das auf­grund der Aus­wir­kun­gen, die die­ser Kon­flikt haben wür­de, wie etwa Flücht­lings­strö­me in Euro­pa oder das Aus­blei­ben von Nah­rungs­mit­tel­lie­fe­run­gen im Nahen Osten und Nord­afri­ka, desta­bi­li­sie­ren­de Effek­te haben wür­de. Die­se wür­den von Russ­land ent­we­der erzeugt oder zumin­dest bil­li­gend in Kauf genommen.

Beschrie­ben wer­den kann das auch mit dem Begriff der „Wir­kungs­ket­te“. Eine Wir­kungs­ket­te ist ein Ereig­nis oder ein Ablauf von Ereig­nis­sen, das kau­sal ande­re Ereig­nis­se bedingt, die wie­der­um ande­re Ereig­nis­se bedin­gen – wie eine Ket­te. Kurz gesagt: Ereig­nis A führt zu B, B führt zu C und C führt zu D. Wür­de also Russ­land Getrei­de­lie­fe­run­gen aus der Ukrai­ne an den Liba­non unter­bin­den, wür­de das die Getrei­de­prei­se im wirt­schaft­lich ohne­hin ange­schla­ge­nen Liba­non hoch­trei­ben. Das wür­de dafür sor­gen, dass das Poten­zi­al an Pro­tes­ten und gewalt­sa­men Aus­schrei­tun­gen steigt. Die­se Wir­kungs­ket­ten dür­fen jedoch nicht iso­liert von­ein­an­der betrach­tet wer­den: So unter­hal­ten etwa die UN eine Mis­si­on im Liba­non, UNIFIL, die je nach Man­dat zur Sta­bi­li­tät des Lan­des bei­trägt. Das hängt jedoch von Russ­land ab, einer­seits, was die Man­dats­ge­stal­tung betrifft, ande­rer­seits, ob das Man­dat über­haupt bestehen bleibt. Da es regel­mä­ßig vom UN-Sicher­heits­rat erneu­ert wer­den muss, bie­tet sich Russ­land eine Gele­gen­heit, die USA und die euro­päi­schen Staa­ten unter Druck zu set­zen, indem man mit dem Veto droht. Das hät­te natür­lich auch Aus­wir­kun­gen auf die genann­te Wirkungskette.

Fähigkeiten und Kapazitäten Russlands

Nach den Ereig­nis­sen der 1990er Jah­re und den für Russ­land im mili­tä­ri­schen Bereich ungüns­ti­gen Ent­wick­lun­gen, ins­be­son­de­re der ers­te Tsche­tsche­ni­en­krieg (1994–1996) durch­lie­fen die rus­si­schen Streit­kräf­te einen pro­fun­den Ent­wick­lungs- und Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess. Nach weit­rei­chen­den Reform­ver­su­chen unter dem dama­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Serdju­kow, einer teil­wei­sen Neu­kon­zi­pie­rung unter dem aktu­el­len Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Schoi­gu und einer ers­ten inten­si­ven Bewäh­rungs­pro­be in Syri­en (ab 2015) wur­den die rus­si­schen Streit­kräf­te als durch­aus schlag­kräf­tig und gut aus­ge­bil­det beurteilt.

Die Bemü­hun­gen, das Mili­tär zu moder­ni­sie­ren, neu aus­zu­rüs­ten und zu refor­mie­ren, führ­ten zu Streit­kräf­ten, die heu­te klei­ner, bes­ser aus­ge­stat­tet und bes­ser aus­ge­bil­det sind und die auf einem höhe­ren Stand der Ein­satz­be­reit­schaft gehal­ten wer­den als ihre sowje­ti­schen Vorgänger.

James Hackett: Die Moder­ni­sie­rung der rus­si­schen Streit­kräf­te, 2021

Davon kann aktu­ell kei­ne Rede mehr sein. Die rus­si­schen Trup­pen haben beim Ein­satz in der Ukrai­ne zu vie­le tak­ti­sche Feh­ler gemacht. Ursprüng­lich hat­te man auch nicht ver­mu­tet, dass sich die Ukrai­ne der­art lan­ge gegen ein moder­nes Heer behaup­ten wür­de kön­nen. Die rus­si­schen Fort­schrit­te und der Stand der rus­si­schen Streit­kräf­te ste­hen nun infra­ge. Mit dem Krieg in der Ukrai­ne wur­den tak­ti­sche und ope­ra­ti­ve Schwä­chen, ins­be­son­de­re im Bereich der Logis­tik, auf­ge­deckt. Auch die russi­sch­en Ver­lus­te häu­fen sich – nach einer Schät­zung der USA (also kei­ne unab­hän­gi­ge Quel­le!) belau­fen sich die­se auf etwa 80.000 Soldat:innen.

Gleich­zei­tig wur­de offen­sicht­lich, dass Russ­land von einer eta­blier­ten Stra­te­gie des mini­ma­len Mit­tel­ein­sat­zes bei maxi­ma­lem Out­put abge­rückt ist. Die­se Stra­te­gie kam in ver­schie­de­nen Fäl­len zur Anwen­dung: in Syri­en 2015, der Ukrai­ne 2014 und Geor­gi­en 2008. Mit begrenz­tem Mit­tel­ein­satz, also in die­sen Fäl­len eine Mili­tär­ope­ra­ti­on mit begrenz­tem Ziel soll­te ein Maxi­mum an Wir­kung erzielt wer­den. Im Fall Syri­ens soll­te der Macht­ha­ber Assad sta­bi­li­siert wer­den, im Fall der Ukrai­ne und Geor­gi­ens reich­te die Anne­xi­on eines Teil­ge­biets bzw. die Befeue­rung eines (sepa­ra­tis­ti­schen) Kon­flikts, um eine wei­te­re West­in­te­gra­ti­on die­ser bei­den Staa­ten erfolg­reich zu unter­bin­den. Bei der Ukrai­ne geschah dies 2014 auf der Krim und im Don­bas, im Fall Geor­gi­ens 2008 mit Süd­os­se­ti­en und Abkh­a­sien. In bei­den Fäl­len war eine wei­te­re Inte­gra­ti­on in die EU oder gar die NATO vom Tisch, kei­ne der bei­den Orga­ni­sa­tio­nen möch­te einen Mit­glieds­staat auf­neh­men, der unge­lös­te ter­ri­to­ria­le Kon­flik­te hat, noch dazu mit Russland.

Lektion für Europa

Für Euro­pa ist das rus­si­sche Vor­ge­hen im All­ge­mei­nen, ins­be­son­de­re aber auch im Fall der Krim eine schmerz­haf­te Lek­ti­on in Sachen aggres­si­ver Geo­po­li­tik. Der Grund­ge­dan­ke der Euro­päi­schen Uni­on ist zwei­fel­los jener, mit wirt­schaft­li­cher Ver­schrän­kung und poli­ti­scher Koope­ra­ti­on sowie mit­tels Abtre­tung von Sou­ve­rä­ni­täts­rech­ten einen fak­ti­schen Frie­den zwi­schen Staa­ten zu schaf­fen. Das ist sowohl Vor- als auch Nach­teil: ein Frie­den im Sin­ne der Euro­päi­schen Uni­on funk­tio­niert dann, wenn Staa­ten sich der Rechts­ord­nung der Uni­on unter­wer­fen und Mit­glied wer­den wol­len. Dann fin­det eine wirt­schaft­li­che Inte­gra­ti­on in ver­schie­de­nen Berei­chen und mitt­ler­wei­le auch eine poli­ti­sche Inte­gra­ti­on statt. Die EU wird also zu einem Gebil­de, das auch ost­eu­ro­päi­sche Mit­glieds­staa­ten aufge­nom­men, sich also „nach Osten aus­ge­dehnt“ hat. Die Uni­on ist offen­sicht­lich nicht dar­auf vor­be­rei­tet, wenn Staa­ten wie Russ­land die­se Vor­stö­ße als unfreund­li­ches Ein­drin­gen in die eige­ne Einflusssphä­re wer­ten. Gleich­zei­tig ist die EU in ihrer jet­zi­gen Form auch ein Gebil­de der 1990er Jah­re. Das bedeu­tet, sie ist nicht oder nur schlecht auf eine geo­po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit einer Groß­macht vor­be­rei­tet. Die EU kennt kei­ne ande­re Frie­dens­durch­set­zung als die ihre, nicht-mili­tä­ri­sche. Im Sin­ne einer geo­po­li­ti­schen Arbeits­tei­lung wäre das die Auf­ga­be der NATO, nicht der EU. Mit mili­tä­ri­schen oder sicher­heits­po­li­ti­schen Mit­teln auf Bedro­hun­gen zu reagie­ren, sich im Not­fall selbst ver­tei­di­gen zu kön­nen oder gege­be­nen­falls einen poten­zi­el­len Geg­ner abzu­schre­cken, dar­auf ist die EU nicht vor­be­rei­tet und wahr­schein­lich wäre sie auch gar nicht bereit, das zu leis­ten. Das ist inso­fern pro­ble­ma­tisch, als sol­che Groß­mäch­te kei­ne Rück­sicht dar­auf neh­men, ob die Uni­on auf eine Kon­fron­ta­ti­on mit ihnen vor­be­rei­tet ist oder nicht.

Strukturelle Vorbereitung

Die Euro­päi­sche Uni­on muss sich und ihre Struk­tu­ren also auf einen sol­chen Ernst­fall vor­be­rei­ten. Die Grund­vor­aus­set­zung hier­für ist poli­ti­scher Wil­le, die EU auf eine sol­che Rol­le vor­zu­be­rei­ten und mög­lichst rasche außen- und sicher­heits­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen tref­fen zu kön­nen. Dazu ist jedoch uner­läss­lich, dass die EU-Mit­glieds­staa­ten die Uni­on auch als pri­mä­ren Hand­lungs­rah­men für ihre jewei­li­gen Außen- und Sicher­heits­po­li­ti­ken begrei­fen. Es ist einer ambi­tio­nier­ten Gemein­sa­men Außen- und Sicher­heits­po­li­tik (GASP) bzw. der Gemein­sa­men Sicher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik (GSVP) abträg­lich, wenn sich grö­ße­re Mit­glieds­staa­ten de fac­to aus­su­chen kön­nen, ob sie sich nun im Rah­men der EU oder aber der NATO, der OSZE, oder der UN oder doch lie­ber gleich bila­te­ral enga­gie­ren möch­ten. Dass hier­für eine ver­ein­fach­te Ent­schei­dungs­fin­dung und damit ein Abrü­cken vom Ein­stim­mig­keits­prin­zip erfor­der­lich ist, ist evident.

Dar­über hin­aus sind zwei wei­te­re Aspek­te von stra­te­gi­scher Rele­vanz: einer­seits benö­tigt die EU eine eige­ne Auf­klä­rungs­ka­pa­zi­tät. Im Fal­le des Trup­pen­auf­baus Russ­lands um den Jah­res­wech­sel 2021/22 wur­de dies sehr deut­lich. Die USA stell­ten ihre nach­rich­ten­dienst­li­chen Erkennt­nis­se einer Welt­öff­ent­lichkeit zur Ver­fü­gung und warn­ten davor, dass Russ­land die Ukrai­ne angrei­fen wür­de. Wie auch in vie­len ande­ren Berei­chen muss jedoch auch hier die Fra­ge gestellt wer­den, ob die Uni­on sich die Abhän­gig­keit von den USA auch im nach­rich­ten­dienst­li­chen Bereich leis­ten kann oder will. Sofern sie das nicht will, braucht sie einen eige­nen, voll­wer­ti­gen Nachrichtendienst.

Bereits jetzt gibt es mit der Sin­gle Intel­li­gence Ana­ly­sis Capa­ci­ty (SIAC) ers­te Schrit­te in die­se Rich­tung, die­se fokus­sie­ren aller­dings in ers­ter Linie auf den Aus­tausch von nach­rich­ten­dienst­li­chen Infor­ma­tio­nen durch die Mit­glieds­staa­ten. Die Uni­on muss hin­ge­gen dazu in der Lage sein, selbst­stän­dig Infor­ma­tio­nen zu sam­meln, die­se aus­zu­wer­ten, zu ana­ly­sie­ren und dann ent­spre­chend zu handeln.

Nach die­sen eige­nen euro­päi­schen nach­rich­ten­dienst­li­chen Infor­ma­tio­nen zu han­deln kann mit­un­ter mili­tä­ri­sches Ein­grei­fen erfor­dern, etwa auf Basis einer Mis­si­on mit UN-Man­dat, zum Zwe­cke einer Trai­nings­mis­si­on oder auch auf Ein­la­dung eines Gast­staats. Auch hier gibt es wie­der­um einen ers­ten Ansatz: mit den EU-Batt­le­groups bzw. der Rapid Deploy­ment Capa­ci­ty aus dem Stra­te­gi­schen Kom­pass soll die EU über eine soge­nann­te First Ent­ry For­ce ver­fü­gen – das reicht jedoch auf­grund der künf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen nicht aus. Der EU fehlt es maß­geb­lich an unab­hän­gi­gen Fähig­kei­ten zum lang­fris­ti­gen Mis­si­ons­er­halt. Hier­für müss­te die EU jedoch Kapa­zi­tä­ten im Logis­tik­be­reich auf­bau­en und, je nach Mis­si­ons­pro­fil, auch ent­spre­chen­de Fähig­kei­ten entwickeln.

Investitionsstau beseitigen

Gleich­zei­tig sind auch die euro­päi­schen Mit­glieds­staa­ten gefor­dert. All­zu oft, beson­ders auf­fäl­lig ist dies in Deutsch­land und Öster­reich, wur­de auf Inves­ti­tio­nen in Streit­kräf­te ver­zich­tet und so die Hand­lungs­fä­hig­keit etwa der Bun­des­wehr oder des Bun­des­hee­res infra­ge gestellt. Ange­sichts der Not­wen­dig­keit, sich in Euro­pa auch auf eine poten­zi­el­le wei­te­re Eska­la­ti­on vor­zu­be­rei­ten, nicht nur des Kriegs in der Ukrai­ne. Die Ukrai­ne ist ledig­lich einer von vie­len glo­ba­len Hot­spots, wo sich über­all kri­sen­haf­te Ent­wick­lun­gen erge­ben kön­nen. Das betrifft womög­lich etwa Süd­ost­eu­ro­pa, den Nahen Osten, Nord­afri­ka, Sub-Saha­ra-Afri­ka, Zen­tral- und Ost­asi­en oder auch ande­re Staa­ten in Ost­eu­ro­pa. Es ist unum­gäng­lich, so bald wie mög­lich wie­der mili­tä­ri­sche Hand­lungs­fä­hig­keit her­zu­stel­len – auch auf Ebe­ne der EU-Mitgliedsstaaten.

Längerer Hebel?

Doch die EU steht vor wei­te­ren, aku­ten Her­aus­for­de­run­gen. Aktu­ell ist zumin­dest in Öster­reich der Kon­sens für die Auf­recht­erhal­tung der Sank­tio­nen gegen Russ­land ins Wan­ken gera­ten. Die Unter­stüt­zung für die Ukrai­ne ist auch nicht mehr völ­lig unum­strit­ten und ange­sichts eines poten­zi­ell kal­ten Win­ters und stei­gen­der Ener­gie­prei­se und die dar­aus resul­tie­ren­de Infla­ti­on steht zu befürch­ten, dass ver­schie­de­ne EU-Mit­glieds­staa­ten ver­sucht sein könn­ten, die Sank­tio­nen zumin­dest infra­ge zu stel­len. In Öster­reich for­dern etwa der ober­ös­ter­rei­chi­sche Lan­des­haupt­mann Stel­zer sowie der Tiro­ler ÖVP-Par­tei­ob­mann Matt­le eine „Eva­lu­ie­rung“ der Sank­tio­nen, wäh­rend FPÖ-Chef Her­bert Kickl gar eine Volks­ab­stim­mung über die Sank­tio­nen for­dert. Ohne auf die Recht­mä­ßig­keit ein­zel­ner For­de­run­gen im EU-Recht ein­zu­ge­hen, zeigt dies doch ein Bild, wonach die Sank­tio­nen nicht mehr völ­lig unum­strit­ten sind.

Dabei ist die Fra­ge, wie lan­ge die Sank­tio­nen durch­ge­hal­ten wer­den, auch eine danach, wer den län­ge­ren Atem hat. Die rus­si­sche Wirt­schaft trägt schwe­ren Scha­den durch die Sank­tio­nen davon. Infor­ma­tio­nen dahin­ge­hend, dass die­se Sank­tio­nen ohne­hin nichts bräch­ten, sind daher falsch, und zum Teil auch von Russ­land selbst in Umlauf gebracht. Letz­ten Endes sind die­se Sank­tio­nen auch eine Fra­ge nach der euro­päi­schen Iden­ti­tät und dem Zweck der euro­päi­schen Außen­po­li­tik. Wenn Euro­pa tat­säch­lich für eine regel- und nor­men­ba­sier­te Außen­po­li­tik steht, dann kann es einen der­art ekla­tan­ten Ver­stoß gegen das völ­ker­recht­lich ver­an­ker­te All­ge­mei­ne Gewalt­ver­bot nicht hin­neh­men, nur weil in der Ver­gan­gen­heit Ent­schei­dun­gen im Ener­gie­sek­tor getrof­fen wur­den, die sich im Nach­hin­ein als fatal her­aus­ge­stellt haben, da sie Euro­pa in eine ener­gie­po­li­ti­sche Abhän­gig­keit von Russ­land geführt haben. Die­se auf­zu­bre­chen ist eigent­lich ein lang­fris­ti­ges Pro­jekt, das nun­mehr beschleu­nigt wer­den muss.

Ausblick

Der mit dem 24. Febru­ar 2022 begon­ne­ne Krieg Russ­lands gegen die Ukrai­ne berührt enorm vie­le Teil­be­rei­che der euro­päi­schen Außen- und Sicher­heits­po­li­tik. Er hat eini­ge Män­gel in der inter­na­tio­na­len Hand­lungs­fä­hig­keit der Euro­päi­schen Uni­on auf­ge­zeigt und je län­ger er andau­ert, umso risi­ko­rei­cher wird er. Auch das Risi­ko eines Ein­sat­zes von Atom­waf­fen durch Russ­land ist nach wie vor vor­han­den, auch wenn Russ­land die­se stra­te­gi­schen Waf­fen bis­her vor allem dazu nutzt, um sich selbst gegen ver­schie­de­ne Kon­se­quen­zen sowie ein Ein­grei­fen der USA bzw. der NATO in der Ukrai­ne zu verhindern.

Heu­te, am 24. August 2022, ist ukrai­ni­scher Unab­hän­gig­keits­tag. Heu­te dau­ert der Krieg, von dem die meis­ten dach­ten, er sei in weni­gen Wochen vor­über, sechs Mona­te. Die Ukrai­ne hält sich nach wie vor, der Krieg Russ­lands wur­de zum Abnüt­zungs­krieg. Gerech­net haben nur sehr, sehr weni­ge mit einem sol­chen Vor­ge­hen Russ­lands. Das zeigt, dass auch mit stra­te­gi­schen Über­ra­schun­gen zuneh­mend zu rech­nen ist. Euro­pa muss sich auf sol­che Sze­na­ri­en vor­be­rei­ten, auch, wenn wir das nicht wol­len. Sich auf einen Kon­flikt ein­zu­stel­len bzw. vor­zu­be­rei­ten, ohne zu wis­sen, ob die­ser kom­men wird und vor dem Hin­ter­grund, dass man lie­ber einen jeden Kon­flikt ver­mei­den möch­te, ist nicht ein­fach. Aber es ist die Auf­ga­be eines Staa­tes. Ange­sichts der Her­aus­for­de­run­gen, denen sich euro­päi­sche Staa­ten gegen­über­se­hen und ange­sichts des Umstands, dass euro­päi­sche Staa­ten die­se Auf­ga­ben allei­ne kaum bewäl­ti­gen wer­den kön­nen, ist es auch eine Auf­ga­be der Euro­päi­schen Union.

Eine der unmit­tel­bars­ten Her­aus­for­de­run­gen ist zudem die Unter­stüt­zung der Ukrai­ne. Euro­pa ist hier gefor­dert. Als Gemein­schaft, die eine regel­ba­sier­te Welt­ord­nung pro­pa­giert, kann Euro­pa es nicht zulas­sen, dass die Ukrai­ne im Stich gelas­sen und von Russ­land mili­tä­risch besiegt wird.

Wie sich der Kon­flikt in der Ukrai­ne ent­wi­ckeln wird und wie er aus­ge­hen wird, ist nicht seri­ös zu beant­wor­ten. Aktu­ell wirkt es so, als wür­de sich Russ­land vor allem auf den Osten der Ukrai­ne kon­zen­trie­ren. Gelingt es den rus­si­schen Streit­kräf­ten, die­ses Gebiet zu erobern, sind mög­li­cher­wei­se Ver­hand­lun­gen über einen Waf­fen­still­stand denk­bar. Ob die­ses Sze­na­rio ein­tritt, kann nur die Zeit zeigen.

Neuordnung Europas?

Ange­sichts rus­si­scher Gräu­el­ta­ten in der Ukrai­ne mag es ver­früht wir­ken, an eine neue euro­päi­sche Sicher­heits­ar­chi­tek­tur zu den­ken. Es mag sogar wie eine Miss­ach­tung der Ukrai­ne und der Opfer, die sie zu ihrer Ver­tei­di­gung bringt, erschei­nen. Das Gegen­teil ist der Fall. Russ­land hat mit dem Angriff auf die Ukrai­ne ganz klar einen Zivi­li­sa­ti­ons­bruch began­gen, ein­fach so zum sta­tus quo ante zurück­zu­keh­ren ist nicht mög­lich und soll­te es auch nicht sein. Aber eine Tat­sa­che bleibt unbe­strit­ten: Russ­land ist ein Nach­bar Euro­pas. Es ist nicht mög­lich, eine trag­fä­hi­ge euro­päi­sche Sicher­heits­ar­chi­tek­tur zu schaf­fen, ohne Russ­land zu inklu­die­ren. Die­sen Feh­ler hat­te man bereits in den 1990er Jah­ren gemacht, und die heu­ti­ge Situa­ti­on gewis­ser­ma­ßen vorweggenommen.

Klar muss sein: Russ­land darf den aktu­el­len Krieg nicht gewin­nen, aber es darf auch nicht der­art ver­lie­ren, sodass wie­der­um der Grund­stein für einen künf­ti­gen Kon­flikt gelegt wird. Im Gegen­teil, eine inklu­si­ve Sicher­heits­ar­chi­tek­tur muss auch Russ­land mit ein­schlie­ßen. Es kann nicht das aktu­el­le Russ­land unter der Prä­si­dent­schaft Putins sein, noch kann es ein Russ­land sein, des­sen Soldat:innen bzw. Befehlshaber:innen sich gege­be­nen­falls für Kriegs­ver­bre­chen ver­ant­wor­ten muss­ten. Aber es muss Russ­land grund­sätz­lich in eine neue, eine künf­ti­ge euro­päi­sche Sicher­heits­ar­chi­tek­tur ein­ge­bun­den sein. Das soll­ten wir in Euro­pa immer im Hin­ter­kopf behal­ten, wenn wir Poli­tik in Rich­tung Mos­kau gestalten.

2 Kommentare

  1. Ich glau­be nicht, dass die ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung eine sol­che Neu­tra­li­tät akzep­tie­ren wür­de, zumal die Ukrai­ne ihre Neu­tra­li­tät ja bereits in der Ver­fas­sung ver­an­kert hat­te. Ob sich eine Abspal­tung ver­mei­den lässt ist letzt­lich auch eine Fra­ge, ob und unter wel­chen Umstän­den der Krieg endet. Eine Eska­la­ti­on, die auch Drit­te umfasst, ist aktu­ell nicht erkenn­bar. Russ­land nutzt ja die Dro­hung, eige­ne Atom­waf­fen ein­zu­set­zen, ein, um „unge­stört“ Krieg in der Ukrai­ne füh­ren zu können.

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