Ein Ende mit Schrecken

Der letz­te US-Sol­dat, der Afgha­ni­stan ver­ließ, war Major Gene­ral Chris­to­pher Dona­hue. Am 30. August, mit­ten in der Nacht, betrat Gene­ral Dona­hue ein Trans­port­flug­zeug vom Typ C‑17 „Glo­be­mas­ter“ am Hamid Kar­zai Inter­na­tio­nal Air­port. Es ist eine Iro­nie der Geschich­te, dass der HKIA aus­ge­rech­net nach dem ers­ten Prä­si­den­ten Afgha­ni­stans nach 2001 benannt wur­de, denn Kar­zai steht wie kaum ein ande­rer für die weit ver­brei­te­te Kor­rup­ti­on im Land.

Mit der Abrei­se von Gene­ral Dona­hue war der voll­stän­di­ge Abzug aller US-Kräf­te in Afgha­ni­stan voll­zo­gen. Nach fast 20 Jah­ren hat der Ein­satz der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in Afgha­ni­stan ein denk­bar unrühm­li­ches Ende gefun­den. Sowie die USA damit begon­nen hat­ten, sich vom Hin­du­kusch zurück­zu­zie­hen, gin­gen die Tali­ban in die Offen­si­ve und ver­buch­ten extrem rasch gigan­ti­sche ter­ri­to­ria­le Gewin­ne. Die Isla­mis­ten über­nah­men nahe­zu gewalt­los Pro­vinz­haupt­stadt um Pro­vinz­haupt­stadt, besetz­ten Grenz­pos­ten und brach­ten schritt­wei­se alle Gebie­te Afgha­ni­stans unter ihre Kon­trol­le. Am 13. August rück­ten die Tali­ban auf die Haupt­stadt Kabul vor – noch bevor sich die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft voll­stän­dig aus Afgha­ni­stan zurück­ge­zo­gen hatte.

Ein Ende mit Schrecken

In sozia­len Netz­wer­ken geis­tert seit eini­gen Jah­ren ein Bon­mot her­um, das um die US-Inva­si­on 2001 auf­ge­kom­men sein dürf­te. Afgha­ni­stan sei der „Fried­hof der Impe­ri­en“. Vor über einem Jahr, als die USA mit den Tai­ban ver­han­del­ten, habe ich es als „Fran­ken­steins Land“ bezeich­net. Es ist ein Land, in dem sowohl der Kampf ums Über­le­ben als auch um Macht an der Tages­ord­nung steht. Ein Land, in dem trotz aller Bemü­hun­gen um Nati­on Buil­ding und des Kampfs gegen die Tali­ban ein­fach kein moder­ner Staat ent­steht und die Isla­mis­ten wei­ter­hin ein Macht­fak­tor bleiben.

Das war vor einem Jahr. Seit­her waren die Tali­ban auf dem Vor­marsch. In nur zehn Tagen ist es ihnen gelun­gen, 20 Jah­re der Bemü­hun­gen um ein sta­bi­les Afgha­ni­stan zunich­te zu machen. Man sagt, bes­ser ein Ende mit Schre­cken als ein Schre­cken ohne Ende. Joe Biden ent­schied sich für das Ende mit Schre­cken. Doch die USA wer­den nicht die­je­ni­gen sein, die die Kon­se­quen­zen tra­gen wer­den. Viel­mehr sind es die Afghan:innen, die jetzt unter den Tali­ban wer­den leben müs­sen, die in eine unge­wis­se Zukunft gehen, von ihren ver­meint­li­chen Ver­bün­de­ten zurückgelassen.

Was sollte Europa tun?

Der Rück­zug aus Afgha­ni­stan ist nicht das ers­te Bei­spiel dafür, dass die USA in ers­ter Linie ihre Inter­es­sen ver­tre­ten und die Europäer:innen mit den Kon­se­quen­zen kon­fron­tiert sind. Ein rezen­tes Bei­spiel hier­für ist der US-Rück­zug aus Nord­sy­ri­en, der eine Inva­si­on der Tür­kei ermög­licht und damit wahr­schein­lich den Krieg ver­län­gert hat. Der­ar­ti­ge Gele­gen­hei­ten wer­fen immer wie­der die Fra­ge auf, ob und inwie­fern Euro­pa in die Fuß­stap­fen der USA tre­ten kann und soll, um euro­päi­sche Inter­es­sen zu schützen.

Das Stich­wort in die­sem Zusam­men­hang ist Stra­te­gi­sche Auto­no­mie. Die EU sol­le unab­hän­gig von den trans­at­lan­ti­schen Part­nern hand­lungs­fä­hig wer­den, um nach­hal­ti­ge, umsich­ti­ge und sach­lich-fun­dier­te Sicher­heits­po­li­tik zu machen. Das hät­te im Fall Afgha­ni­stans bedeu­tet, dass Euro­pa die Sta­bi­li­sie­rung des Lan­des über­nimmt, bis eine Ver­hand­lungs­lö­sung mit den Tali­ban für eine inklu­si­ve, sta­bi­le und tat­säch­lich demo­kra­ti­sche Staats­ord­nung erreicht wor­den ist. Es muss das Ziel sein, dass Euro­pa die Mög­lich­keit hat, eine sol­che Ent­schei­dung unab­hän­gig von den USA zu tref­fen und umzusetzen.

Kartenhaus

Statt­des­sen fiel die inter­na­tio­na­le Mis­si­on nach der Ankün­di­gung des Wei­ßen Hau­ses, sich bis spä­tes­tens dem 11. Sep­tem­ber 2021 zurück­zie­hen zu wol­len, wie ein Kar­ten­haus in sich zusam­men. Das Resul­tat: Afghan:innen, die ver­zwei­felt ver­su­chen, sich an abhe­ben­den Mili­tär­trans­por­tern fest­zu­klam­mern und nach bereits weni­gen Sekun­den in den Tod stür­zen. Men­schen, die ver­ge­bens dar­auf hof­fen, doch noch eva­ku­iert zu werden.

Der 30. August 2021 ist ein trau­ri­ger Tag für die inter­na­tio­na­le Gemeinschaft.

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