Perspektiven für Tigray

„Der Sieg gehört uns!“ Acht Mona­te nach­dem Äthio­pi­en eine mili­tä­ri­sche Ope­ra­ti­on in sei­ner nörd­li­chen Pro­vinz Tigray begon­nen hat­te, muss­ten sich die äthio­pi­schen Streit­kräf­te wie­der zurück­zie­hen. Das Resul­tat: Hun­dert­tau­sen­de Men­schen lei­den an der Hun­gers­not, Mil­lio­nen wei­te­re sind auf der Flucht. Tigrays Bevöl­ke­rung sind die­je­ni­gen, die am meis­ten unter der Kam­pa­gne zu lei­den haben.

More than 1.7 mil­li­on peop­le have been dis­pla­ced and 350,000 pushed into fami­ne, accord­ing to the United Nati­ons. The United Sta­tes Agen­cy for Inter­na­tio­nal Deve­lo­p­ment says the num­ber facing fami­ne is clo­ser to 900,000.

Simon Marks, The New York Times

Was war gesche­hen? War­um hat­te Äthio­pi­en inmit­ten der Covid-Pan­de­mie einen Ein­satz im eige­nen Land begon­nen? Und wel­che Per­spek­ti­ven hat Tigray eigent­lich noch?

Revolution und Reform

Für kur­ze Zeit schien es, als wür­de Äthio­pi­ens neu­er Pre­mier­mi­nis­ter den hohen Erwar­tun­gen, die in ihn gesetzt wur­den, erfül­len. 2018 kam Abiy Ahmed, damals 41 Jah­re alt, an die Macht. Sein Vor­gän­ger Hai­le­ma­ri­am Desa­legn war über­ra­schend zurück­ge­tre­ten. Trotz eines zehn­mo­na­ti­gen Aus­nam­he­zu­stands war es Desa­legn nicht gelun­gen, die andau­ern­den Pro­tes­te gegen die Regie­rung in den Regio­nen Oro­mia und Amha­ra zu been­den. Abiy hin­ge­gen schrieb gleich in den ers­ten Mona­ten sei­ner Amts­zeit Geschich­te: im Juli 2018 been­de­te er den seit dem Jahr 2000 schwe­len­den Grenz­kon­flikt mit Eri­trea. Anfang 2019 begna­dig­te Äthio­pi­en außer­dem etwa 13.000 Men­schen, die auf­grund des Vor­wurfs des Ter­ro­ris­mus im Zuge der Pro­tes­te fest­ge­nom­men wor­den waren.

Abiy Ahmed, der Refor­mer, avan­cier­te zum Shoo­ting­star der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft. Dies umso mehr, als ihm 2019 der Frie­dens­no­bel­preis ver­lie­hen wor­den war. In sei­ner Dan­kes­re­de beton­te er, dass eine „Welt­kul­tur des Frie­dens“ begrün­det wer­den müs­se. Im Juli 2020 begann Äthio­pi­en außer­dem damit, das Was­ser­re­ser­voir des Grand Ethio­pian Renais­sance Dam (GERD) am Blau­en Nil zu befül­len. Bei maxi­ma­ler Kapa­zi­tät wird der GERD ca. 6,35 Giga­watt Strom erzeu­gen und so Mil­lio­nen Äthiopier:innen aus der Armut befreien.

Friedensnobelpreisträger zieht in den Krieg

Doch der Auf­stieg Abiys zum Pre­mier­mi­nis­ter bedeu­te­te auch den Macht­ver­lust der bis­he­ri­gen poli­ti­schen Füh­rung – der Tigray People’s Libe­ra­ti­on Front (TPLF), die 2019 aus der Regie­rungs­ko­ali­ti­on aus­trat. Abiy, selbst den eth­ni­schen Grup­pen der Oro­mo und der Amha­ra ent­stam­mend, arbei­te­te an der Beschrän­kung des Ein­flus­ses der TPLF.

Abiy moved swift­ly. Top TPLF offi­cials were sacked from key secu­ri­ty posts, gene­rals were arres­ted on graft char­ges, and chan­ges were intro­du­ced to coun­ter the Tigra­y­an domi­nan­ce of the armed for­ces. Poli­ti­cal pri­so­ners were freed from secret pri­sons, exi­led dis­si­dents were wel­co­med home, cum­ber­so­me sta­te enter­pri­ses were pri­va­tised, and restric­tions on the media were eased.

Jason Bur­ke, The Guar­di­an

Die TPLF, deren pri­mä­re Macht­ba­sis in der Haupt­stadt der nörd­li­chen äthio­pi­schen Pro­vinz Tigray, Mek’ele liegt, wur­de zuse­hends innen­po­li­tisch iso­liert. Als sich Abiy Ahmed dazu ent­schied, die für August 2020 ange­setz­ten Par­la­ments­wah­len auf unbe­stimm­te Zeit aus­zu­set­zen, beschloss die TPLF, auf eige­ne Faust in Tigray Wah­len abzu­hal­ten. Am 9. Sep­tem­ber 2020 gewann die TPLF fast alle Man­da­te. Als bewaff­ne­te Mili­zen kurz nach der Wahl Armee­stütz­punk­te in Tigray über­fie­len, ent­sand­te die Regie­rung die äthio­pi­schen Streit­kräf­te, zur Siche­rung der Stütz­punk­te und zur Ver­haf­tung von TPLF-Füh­rungs­per­so­nal. Dar­über hin­aus kam es jedoch zu Über­grif­fen auf die Zivil­be­völ­ke­rung – Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen, Mas­sa­ker, bewusst her­bei­ge­führ­te Hungersnöte.

Rascher Erfolg und Zermürbungskrieg

Bis Ende Novem­ber stie­ßen Regie­rungs­trup­pen bis Mek’ele vor. Was zunächst wie ein über­wäl­ti­gen­der mili­tä­ri­scher Erfolg Äthio­pi­ens wir­ken moch­te, ent­pupp­te sich bin­nen meh­re­rer Mona­te zu einem regel­rech­ten Zer­mür­bungs­krieg. Trotz gro­ßer mili­tä­ri­scher Über­le­gen­heit und der mili­tä­ri­schen Unter­stüt­zung Eri­tre­as gelang es der TPLF vor weni­gen Tagen, Mek’ele zurück­zu­er­obern. Abiy Ahmed kün­dig­te dar­auf an, dass sich Äthio­pi­en aus Tigray zurück­zie­hen wür­de – erneut ein Beleg dafür, dass mili­tä­ri­sche Über­macht nicht auto­ma­tisch in mili­tä­ri­sche Sie­ge umge­münzt wer­den kann.

Doch die drän­gends­te Fra­ge ist, wie die huma­ni­tä­re Situa­ti­on in Tigray ver­bes­sert wer­den kann. Im Kon­kre­ten: was kann und soll­te Öster­reich, was die Euro­päi­sche Uni­on tun? Klar ist eines: Äthio­pi­en liegt näher an Euro­pa, als die meis­ten Men­schen glau­ben wür­den. Eine Insta­bi­li­tät in Tigray hat Kon­se­quen­zen nicht nur für Äthio­pi­en, son­dern auch für sowohl Eri­trea als auch für den Sudan. Soll­te sich Äthio­pi­en auf­grund sei­nes Enga­ge­ments in Tigray nicht sei­ner Ener­gie­di­plo­ma­tie mit Ägyp­ten wid­men kann, wäre es denk­bar, dass sich auch das Land am Nil in den Kon­flikt ein­mischt. Ein Stell­ver­tre­ter­krieg könn­te Äthio­pi­en davon abhal­ten, den Damm­bau fort­zu­set­zen oder sich eines Bom­bar­de­ments Ägyp­tens zu erwehren.

Humanitäre Hilfe und engagierte Diplomatie

Es ist jetzt erfor­der­lich, die huma­ni­tä­re Hil­fe Euro­pas für die Regi­on auf­zu­sto­cken und zu ver­su­chen, die Situa­ti­on mit­tels diplo­ma­ti­scher Kon­tak­te so weit wie mög­lich zu sta­bi­li­sie­ren. Äthio­pi­ens poli­ti­sches Sys­tem befin­det sich der­zeit in einer Umbruch­pha­se: die bis­her regie­ren­de Koali­ti­on, in der die TPLF füh­rend war, wur­de durch deren Aus­tritt nach­hal­tig ver­än­dert. Abiy wirft die TPLF seit Ende 2020 vor, er wol­le aus Äthio­pi­en einen zen­tra­lis­ti­schen Ein­heits­staat machen. Es ist also eine nach­hal­ti­ge Eini­gung über die Macht­tei­lung in Äthio­pi­en erforderlich.

Hier besteht umfang­rei­ches Poten­zi­al nicht nur für euro­päi­sche Kri­sen­di­plo­ma­tie bzw. das euro­päi­sche Kri­sen­ma­nage­ment im Rah­men der GSVP, son­dern vor allem auch der huma­ni­tä­ren Hil­fe. Gera­de jetzt, wo die Gewalt fürs Ers­te been­det wur­de, ist es erfor­der­lich, in der Regi­on und auch in Äthio­pi­en Akut­hil­fe zu leis­ten – vor allem betref­fend der unmit­tel­ba­ren Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit Lebens­mit­teln, sau­be­rem Trink­was­ser und Medi­ka­men­ten, sowie Covid-Impf­stoff. Ende 2020 hat Euro­pa die finan­zi­el­le Hil­fe auf € 63,2 Mio. auf­ge­stockt. Gemein­sam mit der Hil­fe für Sudan und Kenia, die Flücht­lin­ge aus Äthio­pi­en auf­neh­men, beläuft sich die Hil­fe der EU für den Tigray-Kon­flikt im wei­tes­ten Sin­ne auf € 68,1 Mio..

Doch die grund­le­gends­ten Pro­ble­me betref­fen den Zugang zur Tigray-Regi­on: „… der Zugang der Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen [wird] seit Mona­ten von der Sicher­heits­la­ge, büro­kra­ti­schen Hür­den sowie dem Feh­len von Strom, Inter­net und Tele­fon­ver­bin­dun­gen erschwert. Zuletzt war eine für den huma­ni­tä­ren Zugang wich­ti­ge Brü­cke nach Tigray zer­stört worden.“

Bei­trags­bild: Alex­an­dros Michai­li­dis / Shutterstock.com

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