Diplomatie am Limit

“Ame­ri­ca is back,” ver­kün­de­te Joe Biden am Don­ners­tag bei einer ers­ten außen­po­li­ti­schen Rede im Sta­te Depart­ment, dem US-Außen­mi­nis­te­ri­um. Ame­ri­ka ist zurück. Zurück auf der Welt­büh­ne, zurück als ver­läss­li­cher Part­ner, zurück als Fackel­trä­ger für die Demo­kra­tie. Die Prio­ri­tä­ten waren zahl­reich: der Jemen, der Putsch in Myan­mar, Chi­na. Prä­si­dent Biden stell­te dabei eines unmiss­ver­ständ­lich klar: Diplo­ma­tie steht ab sofort wie­der im Zen­trum der US-Außenpolitik.

[S]o is the mes­sa­ge I want the world to hear today: Ame­ri­ca is back. Ame­ri­ca is back. Diplo­ma­cy is back at the cen­ter of our for­eign policy.

Joe Biden

Doch es war das, was fehl­te, was auf­hö­ren ließ: der Ver­such der USA, das, was vom Atom­ab­kom­men mit dem Iran (Joint Com­pre­hen­si­ve Plan of Action, JCPOA) noch zu ret­ten ist, zu ret­ten. Immer­hin: Bereits vor sei­ner Amts­ein­füh­rung am 20. Jän­ner 2021 war es eines der erklär­ten Zie­le Joe Bidens, den JCPOA wie­der zum Leben zu erwe­cken. Sein Amts­vor­gän­ger hat­te das Abkom­men bekann­ter­ma­ßen auf­ge­kün­digt. Zwei­fel­los sind das gute Absich­ten – das wird jedoch nicht ein­fach wer­den.

Der Frankenstein-Deal

Das Abkom­men war bis vor Kur­zem de fac­to tot. Der Iran rei­cher­te Uran weit über die im JCPOA vor­ge­se­he­nen Gren­zen aus auf 20 Pro­zent an, wäh­rend die USA noch unter Prä­si­dent Trump noch gegen Ende sei­ner Amts­zeit Sank­tio­nen gegen den Iran ver­häng­ten. Euro­pa waren seit 2018 de fac­to die Hän­de gebun­den. Wie ich bereits im Som­mer 2019 geschrie­ben habe, kann Euro­pa den Iran nicht für den ent­gan­ge­nen Han­del ent­schä­di­gen. Euro­päi­sche Fir­men kön­nen kei­ne US-Sank­tio­nen wegen Han­dels mit dem Iran ris­kie­ren, da sie dann prak­tisch kei­ner­lei inter­na­tio­na­len Zah­lungs­ver­kehr abwi­ckeln können.

Nichts­des­to­we­ni­ger blieb die Hoff­nung auf eine Wie­der­be­le­bung des Deals auf­recht. Dies in ers­ter Linie durch die Wahl Joe Bidens zum US-Prä­si­den­ten. Gan­ze zwei Jah­re nach­dem Donald Trump den JCPOA auf­ge­kün­digt hat­te, sind die USA und der Iran an dem Punkt ange­langt, an dem sie bereits 2013 waren, als Hassan Rou­ha­ni zum ira­ni­schen Prä­si­den­ten gewählt wor­den war.

Wer bewegt sich zuerst?

Doch 2021 ist anders, nicht nur auf­grund der Covid-beding­ten Ein­schrän­kun­gen der inter­na­tio­na­len Diplo­ma­tie. Im Juni 2021 wer­den im Iran Prä­si­dent­schafts­wah­len statt­fin­den und der Mode­ra­te Rou­ha­ni darf nicht erneut antre­ten. Durch das Nahe­ver­hält­nis von Rou­ha­ni zum Obers­ten ira­ni­schen Anfüh­rer Kha­men­ei und das Ver­trau­en, das die­ser Rou­ha­ni ent­ge­gen­brach­te, war es erst­mals mög­lich, über­haupt an ein Abkom­men zwi­schen den USA und den Iran zu den­ken. Unter einem neu­en Prä­si­den­ten, der viel­leicht kein Mode­ra­ter, son­dern ein Prin­zi­pa­list sein wird, wird sich der gesam­te Pro­zess als dop­pelt schwie­rig gestalten.

Das bedeu­tet, dass es jetzt ein Win­dow of Oppor­tu­ni­ty gibt, doch noch alle Par­tei­en zum JCPOA zurück­zu­brin­gen. Allei­ne – Weder die USA noch der Iran möch­ten sich zuerst bewe­gen. Die USA wol­len, dass der Iran zuerst sei­nen Ver­pflich­tun­gen nach dem frag­li­chen Abkom­men wie­der nach­kommt, bevor man die Sank­tio­nen auf­hebt. Der Iran hin­ge­gen will, dass zuerst die Sank­tio­nen auf­ge­ho­ben wer­den, bevor man zum JCPOA zurückkehrt.

Die Stunde Europas

Damit eröff­net sich Hand­lungs­spiel­raum für Euro­pa. Der Außen­be­auf­trag­te Josep Bor­rell wur­de bereits vom ira­ni­schen Außen­mi­nis­ter Zarif als mög­li­cher Honest Bro­ker ins Spiel gebracht. In enger Abstim­mung mit den Außen­mi­nis­tern Frank­reichs, Deutsch­lands, Russ­lands, Chi­nas und des Iran soll­te die­ser gemein­sam mit US-Außen­mi­nis­ter Blin­ken einen Hand­lungs­rah­men ent­wer­fen, der sowohl für die USA als auch für den Iran akzep­ta­bel ist.

U.S. Pre­si­dent Joe Biden can choo­se a bet­ter path by ending Trump’s fai­led poli­cy of “maxi­mum pres­su­re” and retur­ning to the deal his pre­de­ces­sor aban­do­ned. If he does, Iran will like­wi­se return to full imple­men­ta­ti­on of our com­mit­ments under the nuclear deal. But if Washing­ton ins­tead insists on extrac­ting con­ces­si­ons, then this oppor­tu­ni­ty will be lost.

Javad Zarif, Iran Wants the Nuclear Deal It Made

Dabei soll­te Euro­pa nicht den Feh­ler bege­hen, zu ver­su­chen, in der jet­zi­gen Pha­se das Atom­ab­kom­men aus­zu­wei­ten (man­che bezeich­nen das als JCPOA Plus). Der Iran hat sich auch in der Ver­gan­gen­heit als nicht gesprächs­be­reit gezeigt, wenn es um Ver­hand­lun­gen über sei­ne Regio­nal­po­li­tik oder sein Rake­ten­pro­gramm ging. Dass man die Ver­hand­lun­gen ganz kon­kret auf das Atom­pro­gramm begrenz­te war einer der Grün­de aus denen der JCPOA über­haupt erfolg­reich sein konnte.

Euro­pa soll­te die­se Gele­gen­heit nut­zen und nach Mög­lich­keit ver­su­chen, einen Hand­lungs­rah­men für Gesprä­che mit dem Iran zu schaf­fen. Den Anfang soll­ten die USA machen – die Rück­nah­me weni­ger Sank­tio­nen gegen ira­ni­sche Fir­men. Im Gegen­zug muss der Iran das Atom­pro­gramm wie­der rück­bau­en. Erst dann, wenn sich bei­de Sei­ten bewegt haben, kön­nen wei­te­re Fort­schrit­te erzielt werden.