Enttäuschte Hoffnungen

Diens­tag, der 12. Mai 2020. Eine Grup­pe bewaff­ne­ter Män­ner dringt in ein Kran­ken­haus der Méde­cins Sans Fron­tiè­res in Dasht‑e Bar­chi, der am dich­tes­ten besie­del­te Bezirk der afgha­ni­schen Haupt­stadt Kabul, ein. Ihr Ziel: die Ent­bin­dungs­sta­ti­on. An die­sem Diens­tag waren 26 Bet­ten belegt. Die Bewaff­ne­ten drin­gen in die Sta­ti­on ein und durch­käm­men die Räu­me sys­te­ma­tisch. Jede Per­son, die sie fin­den, erschie­ßen sie – vor allem und ins­be­son­de­re die Müt­ter und ihre unge­bo­re­nen Kin­der. Auch vor dem Kreiß­saal machen sie nicht halt. Nach vier Stun­den ist der Mord­an­schlag vor­bei, 24 Men­schen sind tot, davon sind 16 Patientinnen.

„Die Angrei­fer sind durch die Räu­me gegan­gen und haben Müt­ter in ihren Bet­ten erschos­sen. Sys­te­ma­tisch. Was ich vor­fand, waren Ein­schuss­lö­cher in den Wän­den, blut­ver­schmier­te Böden, aus­ge­brann­te Fahr­zeu­ge und zer­split­ter­te Fens­ter, durch die hin­durch geschos­sen wurde.“

Fre­de­ric Bon­not, Lan­des­ko­or­di­na­tor Afgha­ni­stan, MSF

An jenem Tag in Kabul wur­de ein geziel­ter Anschlag auf die Mensch­lich­keit ver­übt. Noch am sel­ben Tag kün­dig­te Prä­si­dent Ashraf Gha­ni an, die Offen­si­ve gegen die Tali­ban wie­der auf­neh­men zu wol­len. Bis­her hat­ten die afgha­ni­schen Sicher­heits­kräf­te ledig­lich ver­tei­di­gen­de Stel­lun­gen ein­ge­nom­men. Der Hin­ter­grund: die Frie­dens­ge­sprä­che zwi­schen der Regie­rung in Kabul und den Tali­ban. Um den Frie­dens­pro­zess nicht zu gefähr­den, hat­ten sich die USA und die Tali­ban in ihrem Abkom­men vom 29. Febru­ar auf einen Waf­fen­still­stand geei­nigt. Die­se Über­ein­kunft hat­te außer­dem Ver­hand­lun­gen mit der afgha­ni­schen Regie­rung vor­ge­se­hen, die aber an der Aus­hand­lung des Tali­ban-Deals nicht betei­ligt gewe­sen war. Schon damals hat­ten Ana­lys­ten gewarnt, dass das Abkom­men zu ambi­tio­niert und des­sen Umset­zung alles ande­re als sicher sei, doch US-Prä­si­dent Trump hielt nichts­des­to­trotz dar­an fest.

Verhandlungen finden jähes Ende

Am Ende waren die Frie­dens­ver­hand­lun­gen zwi­schen der afgha­ni­schen Regie­rung in Kabul und den Tali­ban vor­bei, noch bevor sie rich­tig begon­nen hat­ten. Der Grund dafür waren Unei­nig­kei­ten über einen mög­li­chen Gefan­ge­nen­aus­tausch. Die For­de­rung der Tali­ban, dass 15 ihrer hoch­ran­gi­gen Kom­man­dan­ten frei­ge­las­sen wer­den soll­ten, konn­te Kabul nicht erfül­len. Statt­des­sen hat­te man vor­ge­schla­gen, 400 weni­ger gefähr­li­che Gefan­ge­ne frei­zu­las­sen, wenn die Tali­ban zusi­chern wür­den, dass sie die Gewalt deut­lich redu­zie­ren. Ein Vor­schlag, den die Isla­mis­ten zurück­wie­sen. Anfang April folg­te der offi­zi­el­le Abbruch der Gesprä­che – bis Kabul einen Tag spä­ter hun­der­te Tali­ban frei­ließ. Ein uni­la­te­ra­les Zei­chen des guten Wil­lens sei­tens der Regie­rung. Weni­ge Tage spä­ter kün­dig­ten die Tali­ban die Frei­las­sung von 20 Gefan­ge­nen an. Nichts­des­to­trotz wur­den die Gesprä­che nicht fortgesetzt.

Statt­des­sen ufer­te die Gewalt aus. Die Tali­ban ver­üb­ten immer mehr Anschlä­ge, die immer mehr Todes­op­fer for­der­ten. Am 08. Mai wur­de der Poli­zei­chef der öst­li­chen Pro­vinz Khost durch eine Auto­bom­be getö­tet. Vier Tage spä­ter fand ein Selbst­mord­an­schlag auf eine Trau­er­fei­er in der Pro­vinz Nangar­har statt – und der Angriff auf die Gebur­ten­sta­ti­on in Dasht‑e Bar­chi. Die Tali­ban waren offen­sicht­lich wie­der in der Offen­si­ve – und das trotz des Abkom­mens mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Oder fin­det die­se Offen­si­ve viel­leicht gera­de auf­grund des Abkom­mens, auf­grund der dekla­rier­ten Absicht der Trump-Admi­nis­tra­ti­on, sich aus Afgha­ni­stan zurück­zie­hen zu wol­len und des bereits erfolg­ten Rück­zugs von Tei­len der US-Streit­kräf­te statt?

Der Mann, der auszog, Afghanistan zu retten

Seit Jah­ren schon sind in Afgha­ni­stan kei­ne Erfol­ge der inter­na­tio­na­len Koali­ti­on zu ver­zeich­nen. Der letz­te wirk­lich gro­ße Erfolg der USA fand nach der Inva­si­on im Jahr 2001 statt, als die Tali­ban-geführ­te Regie­rung zusam­men­brach. Seit­her befin­det sich Afgha­ni­stan in einem Dau­er­kon­flikt, in dem kei­ne Sei­te die Ober­hand gewin­nen konn­te. Der afgha­ni­schen Regie­rung, unter­stützt durch die inter­na­tio­na­le Koali­ti­on, gelang es nicht, die Tali­ban nach­hal­tig zu besie­gen. Ganz im Gegen­teil – trotz immer stär­ke­ren Enga­ge­ments ver­bes­ser­te sich die Lage nicht. Am ehes­ten hät­te man die Situa­ti­on als ero­die­ren­den Frie­den bezeich­nen kön­nen. Bis zur Prä­si­dent­schaft von Barack Oba­ma hat­ten die USA kein kla­res Ziel, kei­ne kla­re Stra­te­gie und kei­ne kla­re Vor­stel­lung davon, was sie in Afgha­ni­stan errei­chen woll­ten. Wäh­rend Oba­mas acht Jah­ren im Wei­ßen Haus wur­de das Für und Wider des Kriegs wie­der­holt dis­ku­tiert, die Debat­te dreh­te sich vor allem um die Trup­pen­stär­ke der USA.

Donald Trumps poli­ti­sche Zie­le sind anders gela­gert. Sein Ziel ist ein Abzug der US-Trup­pen, kos­te es, was es wol­le. Dabei igno­riert Trump ein seit 2001 bestehen­des vita­les Inter­es­se der USA: in Afgha­ni­stan dür­fe kein Safe Haven für Ter­ro­ris­ten ent­ste­hen. Wie die­ses Ziel erreicht wer­den soll­te, war zwar unklar, doch eine Trup­pen­prä­senz der USA schien unab­ding­bar. Woll­te man die Trup­pen abzie­hen, müss­te man eine Ver­hand­lungs­lö­sung mit den isla­mis­ti­schen Tali­ban erzie­len, das war von Anfang an klar. Dafür war ein Höchst­maß an Kom­pro­miss­be­reit­schaft erfor­der­lich und Ver­hand­lun­gen mit den Tali­ban auf höchs­ter Ebene.

Das war der Hin­ter­grund der Gesprä­che in Qatar. Ver­gan­ge­nes Jahr hat­te Zal­may Kha­li­lzad, der Son­der­ge­sand­te des US-Außen­mi­nis­te­ri­ums für Afgha­ni­stan und selbst gebür­ti­ger Afgha­ne, gehei­me Ver­hand­lun­gen mit den Tali­ban in Doha begon­nen. Das Ziel war klar: Der längs­te Krieg der USA soll­te been­det und die Trup­pen in die Hei­mat zurück­ge­holt wer­den. Getrie­ben vom Wunsch, das zu errei­chen, was weder Prä­si­dent Bush noch Prä­si­dent Oba­ma erreicht hat­ten und von die­sem Erfolg bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len 2020 zu pro­fi­tie­ren, setz­te Trump ein ambi­tio­nier­tes Zeit­fens­ter. Und tat­säch­lich gelang – nach eini­gem Hin und Her sowie einem zwi­schen­zeit­li­chen Abbruch der Gesprä­che – das Unwahr­schein­li­che. Kha­li­lzad erreich­te eine Über­ein­kunft mit den Taliban.

Gespräche entgegen aller Wahrscheinlichkeit

Es gab nur einen Nach­teil, die­ser war dafür umso ent­schei­den­der. Tei­le der Ver­hand­lungs­ma­te­rie betra­fen Sou­ve­rä­ni­täts­rech­te der afgha­ni­schen Regie­rung unter Prä­si­dent Ashraf Gha­ni; so waren in dem Abkom­men zwi­schen USA und Tali­ban Frie­dens­ge­sprä­che zwi­schen Kabul und den Isla­mis­ten vor­ge­se­hen. Weder Gha­ni noch sonst jemand aus sei­ner Regie­rung waren aller­dings in die Ver­hand­lun­gen ein­ge­bun­den. Das mag zu ihrem ver­gleichs­wei­se raschem Abschluss bei­getra­gen haben, sorg­te in Kabul aller­dings für Unver­ständ­nis und auch Skep­sis. Wie es zu erwar­ten war, stock­ten die­se Ver­hand­lun­gen dann schon kurz nach ihrem Beginn – offen­sicht­lich war man zu opti­mis­tisch, was ihren Erfolg betrifft. Trump, wohl in der Über­zeu­gung, dass die Ver­hand­lun­gen schon in irgend­ei­ner Form gelin­gen wür­den, hat­te kei­ne Rück­sicht auf die Lage vor Ort genom­men. Mit dem drin­gen­den Wunsch, sich aus Afgha­ni­stan zurück­zu­zie­hen, hat er den gesam­ten Frie­dens­pro­zess aufs Spiel gesetzt. Damit wis­sen die Tali­ban, dass das US-Enga­ge­ment ein Ablauf­da­tum hat und sie auf Zeit spie­len können.

War ein Frie­dens­ab­kom­men zwi­schen afgha­ni­scher Regie­rung und Tali­ban von Anfang an unwahr­schein­lich, ist es jetzt, mit den Gewalt­ak­tio­nen der Isla­mis­ten in wei­te Fer­ne gerückt. Kabul muss reagie­ren und kann nicht ohne Wei­te­res mit den Tali­ban wei­ter­ver­han­deln. So hat Ashraf Gha­ni bereits ange­kün­digt, die Offen­si­ve gegen die Tali­ban wie­der auf­zu­neh­men. Klar ist jedoch eines: eine neue Offen­si­ve wird den Kon­flikt mit den Tali­ban nicht lösen, im Gegen­teil. Nur dann, wenn eine grund­sätz­li­che Eini­gung erzielt wird, kann man der­ar­tig abscheu­li­che Ver­bre­chen wie in der Ent­bin­dungs­sta­ti­on in Dasht‑e Bar­chi viel­leicht von vorn­her­ein ver­hin­dern. Das wis­sen auch alle Betei­lig­ten, ins­be­son­de­re Ashraf Ghani.

Kabul ist gespalten

Dass trotz allem immer noch grund­sätz­li­che Gesprächs­be­reit­schaft besteht, zeigt die Über­ein­kunft zwi­schen Gha­ni und sei­nem poli­ti­schen Riva­len Abdul­lah Abdul­lah, der als Vor­sit­zen­der des Natio­na­len Aus­söh­nungs­rats de fac­to für die Lei­tung der Gesprä­che mit den Tali­ban ver­ant­wort­lich zeich­nen wird. Das war Teil einer po­litischen Abspra­che, die den Kon­flikt zwi­schen den bei­den Riva­len bei­le­gen soll­te. Zuvor hat­te Abdul­lah nach den letz­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len Gha­ni Wahl­be­trug vor­ge­wor­fen, das amt­li­che End­ergeb­nis nicht aner­kannt und sich als „Gegen­prä­si­dent“ ver­ei­di­gen lassen.

Mit dem poli­ti­schen Kom­pro­miss zwi­schen Gha­ni und Abdul­lah ist die afgha­ni­sche Regie­rung erst­mals seit den Prä­si­dent­schafts­wah­len 2019 geeint. Das ist bereits ein Erfolg, egal, ob sie ihre mili­tä­ri­sche Offen­si­ve gegen die Tali­ban oder aber die Frie­dens­ver­hand­lun­gen wei­ter­füh­ren will. Letz­te­res ist in nächs­ter Zeit kaum vor­stell­bar. Im Augen­blick wer­den bei­de Sei­ten ver­su­chen, durch mili­tä­ri­sche Aktio­nen oder Anschlä­ge die jeweils ande­re Sei­te unter Druck zu setzen.

Der unausweichliche Konflikt

Selbst wenn jedoch das Unwahr­schein­li­che geschieht und die bei­den Par­tei­en doch an den Ver­hand­lungs­tisch zurück­keh­ren soll­ten, ist ein Erfolg kei­nes­wegs sicher, ganz abge­se­hen davon, dass der Frie­den nicht allei­ne in den Hän­den der afgha­ni­schen Tali­ban liegt. Das liegt an der stark ver­wur­zel­ten Stam­mes­struk­tur des Lan­des. Peter Lavoy, der Unter­staats­se­kre­tär für Sicher­heits­fra­gen in Asi­en und dem Pazi­fik unter Prä­si­dent Oba­ma, wies bereits vor Jah­ren auf genau die­se Pro­ble­ma­tik hin. Selbst, wenn die Tali­ban auf­hö­ren wür­den, zu exis­tie­ren, so Lavoy, gebe es Kon­flik­te. Dar­über hin­aus berück­sich­tig­ten weder das Abkom­men noch die inner­af­gha­ni­schen Gesprä­che die Not­wen­dig­keit, mit Afgha­ni­stans Nach­barn Paki­stan eine Ver­stän­di­gung zu errei­chen. Der paki­sta­ni­sche Zweig der Tali­ban unter­steht nicht der Auto­ri­tät ihrer afgha­ni­schen Nachbarn.

Dr. Peter Lavoy, Obama’s depu­ty assi­stant secreta­ry of defen­se for Asi­an and Paci­fic secu­ri­ty affairs, later in char­ge of South Asia for the Oba­ma NSC staff, was a soft-spo­ken aut­ho­ri­ty on South Asia—Pakistan and Afgha­ni­stan. […] He belie­ved the obses­si­on with U.S. troop num­bers had been the Achil­les’ heel of the Oba­ma admi­nis­tra­ti­on poli­cy in Afgha­ni­stan. “The­re are liter­al­ly thousands of sub-tri­bes in Afgha­ni­stan,” Lavoy said. “Each has a grie­van­ce. If the Tali­ban cea­sed to exist you would still have an insur­gen­cy in Afgha­ni­stan.” Vic­to­ry was far-fet­ched. Win­ning had not been defined.

Bob Wood­ward: Fear. Trump in the White House, S. 116

So oder so weist der Frie­dens­pro­zess in Afgha­ni­stan mehr als nur ein paar unge­klär­te Fra­gen auf und sorgt eben­so für Ver­un­si­che­rung. Gelingt es Kabul und den Tali­ban doch noch, vor den US-Prä­si­dent­schafts­wah­len eine Über­ein­kunft zu erzie­len? Wird Donald Trump davon pro­fi­tie­ren? Wird ein etwai­ges Abkom­men oder eine poli­ti­sche Über­ein­kunft hal­ten und den Kon­flikt bei­le­gen? Wie nach­hal­tig wäre eine sol­che Lösung? In Afgha­ni­stan geht es jetzt um Alles oder Nichts. Donald Trump woll­te der Prä­si­dent sein, der die US-Trup­pen aus Afgha­ni­stan abzie­hen und die Sta­bi­li­tät des Lan­des wie­der­her­stel­len wür­de. Er könn­te der Prä­si­dent wer­den, des­sen Unge­duld zu einem neu­er­li­chen Aus­bruch der Gewalt führ­te und die Mög­lich­keit auf Frie­den für Jah­re zunich­te gemacht hat.

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