Keine Exit-Strategie im Jemen

Die Sol­da­ten sind in lan­ge, leich­te Roben in hel­len Far­ben geklei­det und zumeist mit Sturm­ge­weh­ren des Typs AK-47 be­waffnet. Hin­zu kommt der tra­di­tio­nel­le Jan­bi­ya, ein leicht gebo­ge­ner Dolch aus dem Jemen. Zum Trans­port ver­wen­den sie gebrauch­te Klein­las­ter, wie sie im Nahen Osten sehr häu­fig vor­kom­men. Es sind Sol­da­ten der Huthi-Miliz, die inner­halb weni­ger Tage die jeme­ni­ti­sche Haupt­stadt Sana’a erobert hat­ten. Die Kampf­hand­lun­gen begin­nen über­ra­schend und enden abrupt. Von einem Tag auf den ande­ren über­nimmt die Huthi-Miliz wich­ti­ge Check­points in der jeme­ni­ti­schen Haupt­stadt. Kaum jemand hät­te ver­mu­tet, dass ihnen das gelin­gen wür­de, geschwei­ge denn der­art schnell. Man­che ver­mu­ten daher, dass der 2011 gestürz­te Prä­si­dent Salih die Huthis bei der Erobe­rung Sana’as unter­stützt hatte.

Mitt­ler­wei­le sind drei Jah­re ver­gan­gen. Eine von Sau­di-Ara­bi­en ange­führ­te Mili­tär­al­li­anz nahm den Fall von Sana’a zum Anlass, offen in den Bür­ger­krieg im Jemen ein­zu­grei­fen. Was folg­te, war eine huma­ni­tä­re Kata­stro­phe. Bereits im Okto­ber 2016 äußer­te der UN-Unter­ge­ne­ral­se­kre­tär für huma­ni­tä­re Ange­le­gen­hei­ten Ste­phen O’Brien gegen­über dem Sicher­heits­rat schwe­re Beden­ken auf­grund der Lage im Jemen. Die huma­ni­tä­re Kata­stro­phe, so O’Brien, habe die ohne­hin bereits in Armut leben­de Bevöl­ke­rung des Jemen beson­ders hart getroffen.

This huma­ni­ta­ri­an cata­stro­phe in Yemen is a man-made dis­as­ter, whe­re con­flict has exa­cer­ba­ted and expo­nen­ti­al­ly incre­a­sed the suf­fe­ring of the 50 per cent of the Yeme­ni popu­la­ti­on who alrea­dy were in dire and extre­me pover­ty. Repeated­ly over the past 19 mon­ths, the peop­le of Yemen have been rob­bed of their lives, their hope and their right to live in digni­ty. Thousands have been kil­led, tens of thousands have been inju­red, more than three mil­li­on have been for­ced to lea­ve their homes, and seven mil­li­on suf­fer the dai­ly anxie­ty of not knowing whe­re their next meal might come from.

State­ment by Ste­phen O’Brien, Under-Secreta­ry-Gene­ral for Huma­ni­ta­ri­an Affairs and Emer­gen­cy Reli­ef Coor­di­na­tor, United Nations

Was die Lage aller­dings ver­schlim­mert, ist die Tat­sa­che, dass der Krieg in abseh­ba­rer Zeit wahr­schein­lich nicht enden wird. Die von Sau­di-Ara­bi­en ange­führ­te Koali­ti­on ist in einen Krieg ver­strickt, den es nicht gewin­nen kann, da sie kei­ne kla­ren Zie­le fest­ge­legt hat. Die ein­zi­gen – extrem dif­fu­sen – Zie­le der Koali­ti­on sind die Zurückdrän­gung des ira­ni­schen Ein­flus­ses auf der Ara­bi­schen Halb­in­sel und die Kon­so­li­die­rung des Regimes unter Prä­si­dent Hadi. Doch ab wann ist die­ser Ein­satz als Erfolg zu wer­ten? Ab wann ist der ira­ni­sche Ein­fluss „genug“ zurückgedrängt?

Doch damit hat Sau­di-Ara­bi­en kei­ne spe­zi­fi­schen Zie­le, die es errei­chen könn­te. Ohne Zie­le jedoch gibt es kei­nen Erfolg in die­sem Krieg. Ohne die­se Zie­le, die Sau­di-Ara­bi­en auch erfül­len kann, kann es sich nicht zurück­zie­hen und gesichts­wah­rend von einem Erfolg spre­chen. Im End­ef­fekt bedeu­tet das, dass Riyad Mil­li­ar­den in die­sem bit­ter­ar­men Land ver­sen­ken und die huma­ni­tä­re Kata­stro­phe nur noch wei­ter ver­schär­fen wird. In der Tat zei­gen auch Berich­te der Ver­ein­ten Natio­nen, dass sau­di­sche Luft­an­grif­fe kaum ope­ra­ti­ven, tak­ti­schen Ein­fluss auf die Situa­ti­on am Boden haben – nach nun­mehr zwei Jah­ren des Kriegs.

Mehr Aggressivität, aber keine Exit-Strategie

Über­haupt legt Sau­di-Ara­bi­en ein bis­her noch nie dage­we­se­nes Maß an Aggres­si­vi­tät an den Tag. So hat es bei­spiels­wei­se eine diplo­ma­ti­sche Kri­se mit Qatar vom Zaun gebro­chen, als es am 22. Juni ein Ulti­ma­tum gestellt hat, das emp­find­lich in die qata­ri­schen Hoheits­rech­te ein­ge­grif­fen hat. So for­der­te Riyad bei­spiels­wei­se die Schlie­ßung des Fern­seh­sen­ders Al Jaze­e­ra, die Reduk­ti­on der Bezie­hun­gen zwi­schen Qatar und dem Iran und die Schlie­ßung der tür­ki­schen Mili­tär­ba­sis. Das Ziel: die eigen­wil­li­ge Außen­po­li­tik Qatars zurecht­zu­stut­zen und sei­ne Füh­rungs­rol­le zu verteidigen.

Der Effekt die­ser aggres­si­ven Poli­tik bleibt enden wol­lend. Weder im Jemen noch in Qatar konn­te Sau­di-Ara­bi­en gro­ße Erfol­ge ver­bu­chen. Im Gegen­teil: auf­grund des Kriegs im Jemen besteht für den Iran nur noch mehr Poten­zi­al, sei­nen Ein­fluss aus­zu­bau­en und auch Qatar wird durch die Abschot­tung der Sau­dis nur noch wei­ter in die Arme des Iran getrie­ben. So hat erst­mals seit dem Abbruch der Bezie­hun­gen zwi­schen dem Iran und den Golf­staa­ten das Emi­rat Qatar einen Bot­schaf­ter nach Tehe­ran entsandt.

In bei­den Fäl­len hat sich Riyad kei­ne Gedan­ken über einen Plan B oder eine mög­li­che Exit-Stra­te­gie gemacht und die Aus­sicht auf Erfolg über­schätzt, wie Marc Lynch schreibt: „As with their dis­astrous war in Yemen, Sau­di Ara­bia and the UAE radi­cal­ly over­sta­ted their pro­spects for suc­cess and fai­led to have a plau­si­ble plan B in case things did not go to plan.“ Ganz im Gegen­teil: sowohl aus dem Krieg im Jemen als auch aus dem Kon­flikt mit Qatar sind zwei regel­rech­te PR-Kata­stro­phen gewor­den. Wenn Riyad sich jetzt aus dem Jemen zurück­zieht oder die Blo­cka­de von Qatar auf­hebt, hat es in gleich zwei Fäl­len des Kräf­te­mes­sens verloren.

Bild: akramalrasny/Shutterstock.com

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