Einen kurdischen Staat wird es nicht geben

Die Kur­den gehö­ren zwei­fel­los zu den erfolg­reichs­ten Mili­tär­kräf­ten im Kampf gegen den soge­nann­ten „Isla­mi­schen Staat“. Die Pesh­mer­ga, ira­kisch-kur­di­sche Kräf­te, sowie die syrisch-kur­di­sche PYD haben ihre mili­tä­ri­schen Fähig­kei­ten mehr­fach bewie­sen, ins­be­son­de­re bei der Eva­ku­ie­rung von Sin­jar und der Bela­ge­rung von Kobanê. Die­se Erfol­ge gegen den IS haben nicht nur die mili­tä­ri­schen Kapa­zi­tä­ten eines poten­zi­el­len zukünf­ti­gen Ver­bün­de­ten auf­ge­zeigt, son­dern auch den Hand­lungs­spiel­raum der Kur­den erwei­tert. So kon­trol­lie­ren die Kur­den zum ers­ten Mal in der Geschich­te die ölrei­che Stadt Kir­kuk im Irak.

Hin­zu kommt die schein­ba­re Fähig­keit der Kur­den, Staats­struk­tu­ren auf­zu­bau­en und zu erhal­ten, was die Grund­la­ge für einen kur­di­schen Staat zu bil­den ver­mag. Doch die Ent­ste­hung eines sol­chen ist aus min­des­tens drei Grün­den unwahr­schein­lich: Unei­nig­keit zwi­schen kur­di­schen Grup­pen, die Kom­ple­xi­tät der Bezie­hun­gen zwi­schen Kur­den und Staa­ten in der Regi­on sowie der wahr­schein­li­che Man­gel an Unter­stüt­zung sei­tens der inter­na­tio­na­len Gemeinschaft.

Divided we fall

Unter­schied­li­che Grup­pen haben zumeist ver­schie­de­ne Inter­es­sen und bei den Kur­den han­delt es sich nicht um eine ein­zi­ge, kohä­ren­te Grup­pe. Es gibt ver­schie­dens­te Par­tei­en und noch mehr ver­schie­de­ne Stäm­me in den vier kur­di­schen Regio­nen. All die­se Grup­pen haben oft­mals ver­schie­de­ne und ein­an­der wider­spre­chen­de Inter­es­sen, die auch von ideo­lo­gi­schen Unter­schie­den herrühren.

Das bes­te Bei­spiel hier­für ist Ira­kisch-Kur­di­stan. Die kon­ser­va­ti­ve Par­tei von Masoud Bar­za­ni und die pro­gres­si­ven Kräf­te von Jalal Tala­ba­ni began­nen erst nach dem Ende des kur­di­schen Kal­ten Kriegs 2003, der auf den kur­di­schen Bür­ger­krieg (1994 – 1998) folg­te. Wäh­rend die­ses Kon­flikts wur­de Ira­kisch-Kur­di­stan von zwei ver­schie­de­nen Staats­struk­tu­ren kon­trol­liert, wel­che erst kürz­lich fusio­nier­ten. Laut der For­sche­rin Vere­na Gru­ber vom King’s Col­le­ge Lon­don ste­hen die­se Struk­tu­ren kurz davor, sich wie­der zu tren­nen. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es wahr­schein­lich, dass ein Erfolg gegen den IS die inner­kur­di­schen Span­nun­gen wie­der auf­flam­men las­sen würde.

Um die­se Ver­hält­nis­se noch wei­ter zu ver­kom­pli­zie­ren exis­tie­ren vier ver­schie­de­ne kur­di­sche Regio­nen in der Tür­kei, in Syri­en, im Irak und im Iran. Deren jewei­li­ge regio­na­le Auto­ri­tä­ten ver­las­sen sich auf ver­schie­de­ne Ver­bün­de­te und sind manch­mal sogar mit Fein­den ande­rer kur­di­scher Enti­tä­ten ver­bün­det. Ira­kisch-Kur­di­stan zum Bei­spiel unter­hält enge Han­dels­be­zie­hun­gen mit der Tür­kei, zudem ver­bin­det den tür­ki­schen Prä­si­den­ten Erdoğan und Masoud Bar­za­ni eine enge per­sön­li­che Freund­schaft. Den­noch gehen die tür­ki­schen Sicher­heits­kräf­te gera­de gewalt­sam gegen Tür­kisch-Kur­di­stan vor, ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund, dass ein mög­li­cher kur­di­scher Staat die ter­ri­to­ria­le Inte­gri­tät der Tür­kei gefähr­det. Die­ser Kon­flikt zwi­schen Anka­ra und der tür­kisch-kur­di­schen PKK, die mit der syrisch-kur­di­schen PYD ver­bün­det ist, macht es für die­se bei­den Grup­pen schwie­rig, mit Ira­kisch-Kur­di­stan zu kooperieren.

Ohne internationale Unterstützung kein Staat

Dar­über hin­aus wird die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft eher wenig Inter­es­se an der Ent­ste­hung eines kur­di­schen Staats haben. Das gegen­wär­ti­ge Pri­märz­iel der Ver­ei­nig­ten Staa­ten und ihrer Ver­bün­de­ten ist es, den IS zu besie­gen. Die Kur­den unter­stüt­zen die­sen Kampf, aber es ist für sie in ers­ter Linie eine Fra­ge des Über­le­bens, kei­ne Fra­ge der mög­li­chen Unab­hän­gig­keit. Die Kur­den pas­sen nicht in das vom IS ver­tre­te­ne, pri­mi­ti­ve Bild des Islam und alles, was nicht in die­ses Bild passt, wird als ungläu­big bezeich­net und stellt ein poten­zi­el­les Ziel dar. Von daher ist es eine schlich­te Not­wen­dig­keit, am Kampf gegen den IS teil­zu­neh­men. Von daher haben sie auch kein Druck­mit­tel gegen­über der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft; sie kön­nen nicht ein­fach Unter­stüt­zung für die Unab­hän­gig­keit ein­for­dern im Gegen­zug für ihre mili­tä­ri­sche Kooperation.

Hin­zu kommt, dass kein Staat sei­ne Ver­bün­de­ten in der Regi­on mit der Unter­stüt­zung eines Kur­den­staats brüs­kie­ren oder gar schwä­chen will. Die USA wol­len zwei­fel­los nicht die Tür­kei und den Irak schwä­chen, Russ­land hat kein Inter­es­se an einer Unab­hän­gig­keit der Kur­den von Syri­en oder dem Iran. Im Fall Groß­bri­tan­ni­ens und Frank­reichs kommt erschwe­rend hin­zu, dass die­se ris­kie­ren wür­den, alte kolo­nia­le Wun­den im Nahen Osten wie­der aufzureißen.

Der unwahrscheinliche Staat

Das wich­tigs­te Argu­ment gegen die bal­di­ge Ent­ste­hung eines gemein­sa­men kur­di­schen Staats ist zwei­fel­los die Tat­sa­che, dass es sich bei den Kur­den nicht um eine ein­heit­li­che Grup­pe han­delt. Im Gegen­teil, es ist höchst unwahr­schein­lich, dass sie eine gemein­sa­me Basis fin­den wer­den, um einen kur­di­schen Staat zu schaf­fen. Dies bedeu­tet jedoch nicht, dass eine kur­di­sche Staat­lich­keit ent­we­der völ­lig unmög­lich oder lang­fris­tig sogar unwahr­schein­lich ist. Gelingt es den Kur­den wider Erwar­ten, die Unab­hän­gig­keit zu errei­chen, wäre die­ser Staat wahr­schein­lich weder kohä­rent noch sta­bil oder lebens­fä­hig. Allein die Tat­sa­che, dass nicht ein­mal die ver­schie­de­nen Par­tei­en im ira­ki­schen Kur­di­stan in der Lage sind, eine Eini­gung zu erzie­len, zeigt die Schwie­rig­keit, eine gemein­sa­me Basis für alle kur­di­schen Grup­pen zu schaffen.

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