Erzwungener Optimismus

Staf­fan de Mis­tu­ra strahlt Zuver­sicht aus. Der schwe­disch-ita­lie­ni­sche Diplo­mat ist seit fast zwei Jah­ren UN-Son­der­ge­sand­ter für Syri­en – der ins­ge­samt drit­te. Sei­ne bei­den Vor­gän­ger Kofi Ann­an und Lakhdar Bra­hi­mi tra­ten bei­de aus Man­gel an Erfolg und aus Frus­tra­ti­on zurück. Bra­hi­mi nach fast zwei Jah­ren, Ann­an bereits nach sechs Mona­ten. Doch de Mis­tu­ra ist opti­mis­tisch. Gezwun­ge­ner­ma­ßen, sonst könn­te man kaum erwar­ten, dass er sich dem Bür­ger­krieg in Syri­en und der ver­fah­re­nen poli­ti­schen Lage in die­sem Land wei­ter­hin aussetzt.

Der Bür­ger­krieg hat vor über fünf Jah­ren begon­nen und bereits mehr als 250.000 Tote gefor­dert. Umso bemer­kens­wer­ter ist, dass der kürz­lich aus­ge­han­del­te Waf­fen­still­stand, trotz meh­re­rer, klei­ne­rer Gefech­te um Hama, Homs, Lata­kia und Damas­kus, seit sie­ben Tagen weit­ge­hend hält. Vor allem sei ent­schei­dend, dass die­se Gefech­te ein­ge­dämmt und kon­trol­liert been­det wer­den, so de Mis­tu­ra, den­noch blei­be die Situa­ti­on fra­gil. Kom­men­den Mitt­woch sol­len die Gesprä­che fort­ge­setzt wer­den – Genf III scheint die ers­te Hür­de über­wun­den zu haben. Erst­mals schei­ne eine Zusam­men­ar­beit zwi­schen der syri­schen Regie­rung und der Oppo­si­ti­on hin­sicht­lich inter­na­tio­na­ler Hilfs­lie­fe­run­gen mög­lich – ein „Game Chan­ger“, so de Mis­tu­ras Son­der­be­ra­ter Jan Egeland.

Mit die­sen durch den Waf­fen­still­stand ermög­lich­ten Hilfs­lie­fe­run­gen ver­su­chen die Ver­ein­ten Natio­nen nicht nur, die Grund­ver­sor­gung der betrof­fe­nen Bevöl­ke­rung zu sichern, son­dern auch die huma­ni­tä­re in Syri­en ins Zen­trum der media­len Auf­merk­sam­keit zu rücken. Die Syre­rin­nen und Syrer sind chro­nisch unter­ver­sorgt, es man­gelt an Lebens­mit­teln und Medi­ka­men­ten. Unge­fähr 4 Mio. Men­schen leben zudem in „hard-to-reach are­as“, 500.000 wei­te­re in bela­ger­ten Gebie­ten wie Ghu­ta und Madami­ya. Die Situa­ti­on in die­sen Gebie­ten bleibt anhal­tend kritisch.

Viele Hindernisse stehen im Weg zum Frieden

Umso wich­ti­ger sind jetzt die drin­gend benö­tig­ten Hilfs­lie­fe­run­gen, denn es ist frag­lich, wie lan­ge der Waf­fen­still­stand noch hal­ten wird. Zwar scheint der Erfolg de Mis­tu­ra recht zu geben, denn es ist ein deut­li­cher Rück­gang der Gewalt bemerk­bar. Den­noch warf die syrisch-kur­di­sche YPG der Oppo­si­ti­on vor, die Waf­fen­ru­he zu miss­ach­ten. Ereig­nis­se wie die­se kön­nen leicht zu einem Bruch der Waf­fen­ru­he füh­ren und die Mög­lich­kei­ten der UN, die syri­sche Bevöl­ke­rung zumin­dest grund­le­gend zu ver­sor­gen, wie­der dras­tisch reduzieren.

Hin­zu kommt die Tat­sa­che, dass es kei­ne Garan­tie für einen Erfolg der Gesprä­che in Genf gibt, trotz der ambi­tio­nier­ten Agen­da. Jedes der The­men, die auf dem Plan ste­hen, könn­te poten­zi­ell zu einem Schei­tern der Gesprä­che füh­ren: die Schaf­fung einer neu­en, inklu­si­ven syri­schen Regie­rung, der Beschluss einer neu­en Ver­fas­sung, Neu­wah­len zum Par­la­ment und für das Prä­si­den­ten­amt. Und selbst wenn die Gesprä­che zu einem Ergeb­nis gelan­gen, steht die prak­ti­sche Umset­zung eben­falls noch aus.

Besteht Grund zur Hoff­nung? Wohl kaum. Doch die Genf-III-Ver­hand­lungs­run­de ist die viel­leicht letz­te Chan­ce auf eine diplo­ma­ti­sche Lösung des Kon­flikts und die der­zeit bestehen­de Waf­fen­ru­he eine viel zu wich­ti­ge Vor­aus­set­zung, als dass sie ein­fach auf­ge­ge­ben wer­den könn­te. Schei­tert die Waf­fen­ru­he oder schei­tern die Gesprä­che, ist eine fried­li­che Lösung vom Tisch, ein etwai­ges Genf IV hät­te kei­ne Chan­ce mehr. Für Staf­fan de Mis­tu­ra bleibt also nichts übrig als erzwun­ge­ner Opti­mis­mus: das Bes­te hof­fen und das Schlimms­te befürchten.

Bild: Spe­cial Envoy for Syria Addres­ses the Press (United Nati­ons Pho­to), CC BY-NC-ND 2.0, kei­ne Ände­run­gen vorgenommen

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